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Ausdrucksmalen

Schöpfen aus dem Meer der Kreativität

   

Stellen Sie sich vor: Sie sind Patient/Patientin in der Habichtswald-Klinik und bekommen von ihrer Therapeutin Ausdrucksmalen verordnet. Sie erscheinen zum Vorgespräch und beteuern, dass Sie völlig unerfahren sind, was das Malen angeht. Sie lassen sich von der Kunsttherapeutin damit beruhigen, dass es den meisten so gehe und es überhaupt nicht auf ästhetisch wertvolle Produkte ankommt. Sie erfahren noch, dass es beim Ausdrucksmalen keine Wertung gibt, dass sie stehend an der Wand malen werden und ihre Bilder nicht gedeutet werden, dass es keine Themen gibt und es eigentlich nur darauf ankommt, dass Sie Bilder finden, die für Sie richtig sind.

Vielleicht fragen Sie noch mal nach: „Aber was soll ich denn ausrücken?“. Die Kunsttherapeutin wird ihnen dann erklären, dass sich die Bezeichnung Ausdrucksmalen für die Methode des begleiteten Malens irgendwann eingebürgert hat und vielleicht verführt, von falschen Voraussetzungen auszugehen.

Der wohl wichtigste Aspekt beim so genannten Ausdrucksmalen ist die Achtsamkeit im Tun zu fördern bzw. dafür zu sensibilisieren. Ausdrucksmalen  heißt auch, sich auf die Suche nach stimmigen Bildern zu machen, die dem Bedürfnis nach Authentizität gerecht werden.   

Und so erscheinen Sie zum erstem Termin der Gruppe zum Ausdrucksmalen. Die Tür zum Malatelier öffnet sich. Sie erblicken in der Mitte des Raumes eine 2,50 m lange Palette mit 21 leuchtenden Farben. Der Raum ist im Keller, er lässt keinen Blick auf die Außenwelt zu. Die Wände sind ausgekleidet mit Sperrholz und übersät mit den Spuren von unzähligen Bildern, die in der Vergangenheit darauf entstanden sind, fast schon Bilder für sich. Nach einer kurzen Vorrunde, jeder berichtet kurz über seine/ihre momentane Verfassung, erfahren Sie, wie Sie während des Malens (1 ½ Stunden) versorgt werden, dass Ihnen das Bild abgenommen wird, wenn es fertig ist. Nun bekommen Sie noch erklärt, dass Sie mit den Händen oder dem Pinsel malen können, suchen sich einen Platz aus, bekommen ihr Blatt hingehängt und stehen nun allein davor.  

Vielleicht warten Sie erst mal ab, schauen, was die anderen machen, in Ihrem Kopf rattert das Wort Ausdrucksmalen, Ausdrucksmalen, Ausdrucksmalen. All ihre Schulerfahrungen fallen Ihnen ein, was werden die anderen denken, wenn ich jetzt unbeholfen anfange. Möglicherweise sind Sie ganz ungeduldig, wollen endlich ausprobieren, wie es sich anfühlt mit den Händen zu malen, oder Sie bitten die Therapeutin um Hilfe, weil Sie nicht wissen, wie Sie anfangen können. Sie wird Ihnen dann sagen, dass Sie einfach mit der Farbe beginnen sollen, die Sie am meisten anspricht. Vielleicht geht es Ihnen nach den ersten Spuren, die Sie auf dem Blatt hinterlassen, wie dem meisten Malenden im Atelier. Sie müssen kaum noch überlegen. Plötzlich ist es egal, ob das Ganze hier Kunsttherapie, Maltherapie oder Ausdrucksmalen heißt. Ihre Hände wissen plötzlich, was zu tun ist. Eine Farbe ruft automatisch nach einer anderen. Eine Form bedingt die nächste. Die ursprünglichen Zweifel regen sich kaum noch. Sie vergessen die Zeit, wie wenn Sie träumen, sind aber genau so wach wie in der Meditation. Sie sind im Kontakt mit Ihrem persönlichen Meer der Kreativität. Es fließt. „Es malt mich“, hat mal jemand gesagt.  Und genau so ist es!

Das Unbewusste verfügt über einen unerschöpflichen Vorrat an Bildern. Wir alle haben ein Urwissen über Formen und Farben und die Fähigkeit, diese verknüpft mit ganz persönlichen Emotionen und Körpererinnerungen in ein Bild zu verwandeln. Expression nennt Arno Stern, der Erfinder des Ausdrucksmalen (bzw. des „Malspiels“, wie er es genannt wissen möchte) die Formulierung der im organischen Gedächtnis aufgezeichneten Erlebnisse (vgl. Arno Stern, 1978)  

Archetypen nennt sie C.G. Jung, die in unterschiedlichen Kulturkreisen immer wieder auftauchenden Zeichen und Urformen, denen symbolische Bedeutung zugewiesen wurde und wird. Ausdrucksmalen heißt den Raum eröffnen: Diesem Wissen, dieser Fähigkeit, diesem Urbedürfnis schöpferisch tätig zu sein. Damit der kreative Fluss in Gang kommt und nicht versiegt, muss dieser Raum von besonderer Beschaffenheit sein: Er muss geschützt sein wie eine Hülle zur Außenwelt, zur Alltagswelt abgeschirmt. Uterusgleich. Keine Ablenkung durch Außenreize kann den Prozess stören (vgl. C.G. Jung, 1968, Der Mensch und seine Symbole).  

In diesem Raum gibt es kein Schön und kein Hässlich. Was nicht bedeutet, dass es keine spontanen Gefühle gibt. Alles was erscheint, hat Daseinsberechtigung, wird angenommen, vielleicht freudig begrüßt oder wütend abgelehnt. Außerdem ist für den Fortgang des Prozesses die Haltung der Kunsttherapeutin von besonderer Bedeutung. Peter Petersen sagte dazu: „Der Prozess (der therapeutische) ist kein passives Über-sich-ergehen-lassen (...).Der Prozess ist reine Arbeit, innere Arbeit".  

Jedoch entspricht diese Arbeit nicht unserem üblichen zielgerichteten Leben, das auf einen Erfolg, auf die Herstellung eines schönen Produkts ausgerichtet wäre. Insofern ist die therapeutische Haltung auch nicht aktivisch – vielmehr ist die innere Wahrnehmung auf das eingestellt, was da kommen will, was sich entwickeln will. Es ist eine mittlere Einstellung zwischen passiv und aktiv. Es ist medial. Das wahre Selbst, sich verwirklichen lassen heißt: „Nicht ich verwirkliche mein Selbst, sondern ich lasse es zu, ich bin als aktiv Wahrnehmender und aktiv Empfangender dabei, wie es sich verwirklicht. Der Prozess kann vom Therapeuten nicht geplant und nicht gemacht werden, der Therapeut kann dem Prozess nur Raum schaffen, und der kann sich mit ihm identifizieren (Petersen, P. Wie kann künstlerische Therapie eine zukünftige Heilkunde beeinflussen?, 1997).“  

Anzumerken ist, dass beim Ausdrucksmalen dieser oben beschriebene Prozess eine Verdopplung findet in der Haltung des Malenden zu seinem Bild. Aufgabe des Kunsttherapeuten ist, diese mediale Haltung beim Malen zu fördern. Das geschieht dadurch, dass vom Therapeuten gesehen wird, wahrgenommen wird (im wahrsten Sinne des Wortes), was entsteht. Der Therapeut bestätigt was kommt, ohne Wertung. Er nimmt es an, muss es oft stellvertretend annehmen für den Malenden, wenn Ambivalenz besteht gegenüber dem Bild, wenn Zweifel aufkommen. Der Therapeut muss auch dafür sorgen, dass die nötige Ehrfurcht Raum hat, wenn Bilder sich ihren Weg gesucht haben.  

Viele Bilder sind umgeben von einer Aura, die wahrzunehmen geübt werden muss. Die Aufgabe der Therapeuten ist es auch Vergleiche mit Nachbarbildern zu unterbinden. Jeden Malenden immer wieder auf die eigenen, nicht normierten Ausdrucksmöglichkeiten hinzuweisen, ihn zu ermutigen, seine ganz persönliche Eigenart sich auszudrücken, wertzuschätzen. Wenn der Kontakt zum Bild droht verloren zu gehen, durch Deutung oder durch Rationalisierung, die wegführen vom Malprozess, ist es nötig durch Interventionen, die die malerische oder bildnerische Ebene ansprechen, den Malfluss wieder in Gang zu bringen.

So wird der Raum geöffnet:

  • Für Bilder, die einfach nur „Spuren sind für die Lust an der Farbe“, für die Entdeckungsfreude am Spielen mit einem neuen Medium, Bilder, die Zeugnis geben von Bewegungsimpulsen der Hände. Bilder die nähren, die gut tun, die das Herz hüpfen lassen, Bilder, die zur Stärkung des Selbstwertgefühles beitragen.
  • Oder aber Bilder, die in Untiefen schauen lassen, die Angst machen, Wut freisetzen, Verdrängtes sichtbar, erlebbar und mitteilbar machen. Bilder, die entlasten und befreien können.
  • Oder Bilder, die hart erarbeitet sind, die vielfach übermalt wurden, die viele Entscheidungen forderten, Trennung von Bestehendem verlangten, Mut zum Neuen brauchten. Bilder, die Zeugnis von Probehandeln ablegen.

Hier zeigt sich oft in den Produkten der Spannungsbogen zwischen der reinen Lust am schöpferischen Tun und dem mühseligen, oft schmerzhaften Vorgang des Formens und Gestaltens, den die Realität, das Gegenüber uns abverlangt. Die Fähigkeit, zwischen diesen Polen zu zirkulieren, ist Weg und Ziel des therapeutischen und kreativen Prozesses beim Ausrucksmalen.

Von Ulrike Kulbarsch, Kunsttherapeutin

Animationen animierte Augen

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Aktualisiert: Juni 2010

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